Eine Meinungsmache von Axel Kleinlein

Eine Analyse des Bundes der Versicherten zeigt: Nicht nur deutsche Lebensversicherer halten ihren Kunden Überschüsse vor und nutzen das Geld als Ersatz für Eigenkapital. Über die Karriere eines fragwürdigen Bilanztricks.

Die deutschen Lebensversicherer sind schon sehr speziell. Das hiesige System mit intransparenter Kalkulation, undurchschaubaren Überschussregeln und Verantwortungsverweigerung für Fehlentwicklungen sucht seinesgleichen. Wir vom Bund der Versicherten kämpfen mittlerweile seit knapp 40 Jahren gegen dieses Gebaren. Leider nicht immer erfolgreich. Nun müssen wir sogar feststellen, dass sich französische Unternehmen ein schlechtes Beispiel an den deutschen Versicherern nehmen.

Französische Versicherer sind in großem Stil mit ähnlich gravierenden Schwierigkeiten konfrontiert wie die heimischen Kollegen in Stuttgart, München oder Köln. Da ist zum einen der unterirdisch niedrige Zins. Zum anderen gibt es auch noch alte Verträge mit hohen Garantien, die es zu halten gilt. Egal ob die klassische deutsche “gemischte Lebensversicherung” oder “un contrat de capitalisation” in Frankreich, in beiden Fällen haben Versicherungsmanager in der Vergangenheit ihren Kunden Versprechen gegeben, die die heutigen Firmenchefs so nicht mehr halten können. Sie haben in der Vergangenheit – ohne dass sie es mussten – mit Zinsen kalkuliert, die nicht mehr realistisch sind; wohl wissend, dass sie diese Zinssätze für die gesamte Vertragsdauer “garantieren” müssen. Das können bei lang laufenden Rentenversicherungsverträgen 70 bis 80 Jahre sein. Sie haben sich verkalkuliert.

Natürlich gibt es auch Behörden, die prüfen, ob ein Versicherer trotz dieser Kalkulationsfehler noch fit genug ist, das Geschäft betreiben zu können. In Deutschland ist das die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), in Frankreich die Autorité des marchés financiers (AMF). Beide müssen sich aber an den europäischen Grundsätzen orientieren. Zentral ist das Regelwerk von “Solvency II”, nach dem zu prüfen ist, ob ein Versicherer noch solvent genug ist oder nicht.

Die Deutschen Versicherungslobbyisten haben damals schon vorgebaut, als “Solvency II” in Brüssel verhandelt wurde. Es galt zu verhindern, dass Versicherungsunternehmen oder deren Aktionäre womöglich selbst für Solvenzlücken geradestehen müssen. Deswegen haben sie dafür gesorgt, dass auch Kundengelder als Eigenkapitalersatz angerechnet werden können. Das führt dazu, dass ein klammer Versicherer sinngemäß sagen kann: “Ich nehme die Überschüsse der Kunden, zahle sie nicht aus, ersetze dadurch echtes Eigenkapital und dann bekommen die Aktionäre mehr Dividenden”. Unterm Strich müssen Versicherte so auf Geld verzichten, weil sich die Versicherer verkalkuliert haben und die Versicherungsbosse die Aktionäre nicht zur Kasse bitten wollen.

Deutsche Versicherer haben diese Sonderregel sofort angewendet, als “Solvency II” vor fünf Jahren in Kraft trat. Die französische Konkurrenz hielt sich demgegenüber zurück, blieb fair und betrachtete Überschüsse der Kunden als das, was sie sind – als Kundengelder und nicht als Ersatz für Eigenkapital. Nun allerdings, wo es immer enger wird, nehmen auch französische Versicherer diese “Solvenzkosmetik” zulasten der Kunden vor. Die Unternehmen erscheinen deutlich solventer, als sie es eigentlich sind – indem Kundengelder echtes Eigenkapital ersetzen.

Wir haben mit Bestürzung festgestellt, dass die Franzosen seit Neuestem diese verbraucherfeindliche Praxis kopieren. Zusammen mit dem Analysten Carsten Zielke haben wir die “Solvenzberichte 2020” der Deutschen Versicherer untersucht und mit Unterstützung der europäischen Organisation “Better Finance” erstmals den Blick ins europäische Ausland geworfen. Die Ergebnisse haben wir veröffentlicht, transparent und nachvollziehbar.

Auch die Axa hätte erhebliche Probleme ohne Übergangsregeln

Ein Beispiel: Die Allianz hübscht mit diesem Trick in Deutschland die Solvenz um 70 Prozent und in Frankreich um 23 Prozent auf. Rechnet man zeitlich begrenzte sogenannte Übergangsmaßnahmen heraus, dann ist diese “Solvenzkosmetik” auf Kosten der Versicherten entscheidend, um überhaupt noch genügend Solvenz zu haben. Auch die Axa ist sowohl in Deutschland als auch Frankreich auf Kundengelder angewiesen, gäbe es keine “Übergangsmaßnahmen”. Diese Platzhirsche der Assekuranz wären insolvent, könnten sie nicht auf Überschussguthaben der Kunden oder auf Übergangsmaßnahmen verweisen.

Übergangsmaßnahmen funktionieren aber nur auf Zeit, deswegen heißen sie so – hier genau genommen nur bis längstens 2032. Bei Verträgen zur Altersvorsorge kein langer Zeitraum, besonders in dem nicht enden wollenden Niedrigzins-Dilemma. Deshalb werden die Versicherer zunehmend Kundengelder dazu heranziehen, Kalkulationsfehler zu kaschieren und Solvenzkosmetik zu betreiben. Bisher nur in Deutschland und Frankreich.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

Quelle

Eine Meinungsmache von Axel Kleinlein

Eine Analyse des Bundes der Versicherten zeigt: Nicht nur deutsche Lebensversicherer halten ihren Kunden Überschüsse vor und nutzen das Geld als Ersatz für Eigenkapital. Über die Karriere eines fragwürdigen Bilanztricks.

Die deutschen Lebensversicherer sind schon sehr speziell. Das hiesige System mit intransparenter Kalkulation, undurchschaubaren Überschussregeln und Verantwortungsverweigerung für Fehlentwicklungen sucht seinesgleichen. Wir vom Bund der Versicherten kämpfen mittlerweile seit knapp 40 Jahren gegen dieses Gebaren. Leider nicht immer erfolgreich. Nun müssen wir sogar feststellen, dass sich französische Unternehmen ein schlechtes Beispiel an den deutschen Versicherern nehmen.

Französische Versicherer sind in großem Stil mit ähnlich gravierenden Schwierigkeiten konfrontiert wie die heimischen Kollegen in Stuttgart, München oder Köln. Da ist zum einen der unterirdisch niedrige Zins. Zum anderen gibt es auch noch alte Verträge mit hohen Garantien, die es zu halten gilt. Egal ob die klassische deutsche “gemischte Lebensversicherung” oder “un contrat de capitalisation” in Frankreich, in beiden Fällen haben Versicherungsmanager in der Vergangenheit ihren Kunden Versprechen gegeben, die die heutigen Firmenchefs so nicht mehr halten können. Sie haben in der Vergangenheit – ohne dass sie es mussten – mit Zinsen kalkuliert, die nicht mehr realistisch sind; wohl wissend, dass sie diese Zinssätze für die gesamte Vertragsdauer “garantieren” müssen. Das können bei lang laufenden Rentenversicherungsverträgen 70 bis 80 Jahre sein. Sie haben sich verkalkuliert.

Natürlich gibt es auch Behörden, die prüfen, ob ein Versicherer trotz dieser Kalkulationsfehler noch fit genug ist, das Geschäft betreiben zu können. In Deutschland ist das die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), in Frankreich die Autorité des marchés financiers (AMF). Beide müssen sich aber an den europäischen Grundsätzen orientieren. Zentral ist das Regelwerk von “Solvency II”, nach dem zu prüfen ist, ob ein Versicherer noch solvent genug ist oder nicht.

Die Deutschen Versicherungslobbyisten haben damals schon vorgebaut, als “Solvency II” in Brüssel verhandelt wurde. Es galt zu verhindern, dass Versicherungsunternehmen oder deren Aktionäre womöglich selbst für Solvenzlücken geradestehen müssen. Deswegen haben sie dafür gesorgt, dass auch Kundengelder als Eigenkapitalersatz angerechnet werden können. Das führt dazu, dass ein klammer Versicherer sinngemäß sagen kann: “Ich nehme die Überschüsse der Kunden, zahle sie nicht aus, ersetze dadurch echtes Eigenkapital und dann bekommen die Aktionäre mehr Dividenden”. Unterm Strich müssen Versicherte so auf Geld verzichten, weil sich die Versicherer verkalkuliert haben und die Versicherungsbosse die Aktionäre nicht zur Kasse bitten wollen.

Deutsche Versicherer haben diese Sonderregel sofort angewendet, als “Solvency II” vor fünf Jahren in Kraft trat. Die französische Konkurrenz hielt sich demgegenüber zurück, blieb fair und betrachtete Überschüsse der Kunden als das, was sie sind – als Kundengelder und nicht als Ersatz für Eigenkapital. Nun allerdings, wo es immer enger wird, nehmen auch französische Versicherer diese “Solvenzkosmetik” zulasten der Kunden vor. Die Unternehmen erscheinen deutlich solventer, als sie es eigentlich sind – indem Kundengelder echtes Eigenkapital ersetzen.

Wir haben mit Bestürzung festgestellt, dass die Franzosen seit Neuestem diese verbraucherfeindliche Praxis kopieren. Zusammen mit dem Analysten Carsten Zielke haben wir die “Solvenzberichte 2020” der Deutschen Versicherer untersucht und mit Unterstützung der europäischen Organisation “Better Finance” erstmals den Blick ins europäische Ausland geworfen. Die Ergebnisse haben wir veröffentlicht, transparent und nachvollziehbar.

Auch die Axa hätte erhebliche Probleme ohne Übergangsregeln

Ein Beispiel: Die Allianz hübscht mit diesem Trick in Deutschland die Solvenz um 70 Prozent und in Frankreich um 23 Prozent auf. Rechnet man zeitlich begrenzte sogenannte Übergangsmaßnahmen heraus, dann ist diese “Solvenzkosmetik” auf Kosten der Versicherten entscheidend, um überhaupt noch genügend Solvenz zu haben. Auch die Axa ist sowohl in Deutschland als auch Frankreich auf Kundengelder angewiesen, gäbe es keine “Übergangsmaßnahmen”. Diese Platzhirsche der Assekuranz wären insolvent, könnten sie nicht auf Überschussguthaben der Kunden oder auf Übergangsmaßnahmen verweisen.

Übergangsmaßnahmen funktionieren aber nur auf Zeit, deswegen heißen sie so – hier genau genommen nur bis längstens 2032. Bei Verträgen zur Altersvorsorge kein langer Zeitraum, besonders in dem nicht enden wollenden Niedrigzins-Dilemma. Deshalb werden die Versicherer zunehmend Kundengelder dazu heranziehen, Kalkulationsfehler zu kaschieren und Solvenzkosmetik zu betreiben. Bisher nur in Deutschland und Frankreich.

Axel Kleinlein ist Chef des Bundes der Versicherten (BdV), Deutschlands größter Verbraucherschutzorganisation für Versicherte, und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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